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Die Vergangenheit hab ich glatt vergessen…

22. September 2017
Die Vergangenheit hab ich vergessen

Wow. Ich bin immer noch tief beeindruckt vom Film Still Alice. Die wunderbare Julianne Moore spielt darin Linguistik-Professorin Alice Howland, bei der schon mit Anfang 50 die Diagnose Alzheimer diagnostiziert wird. Während sie anfangs noch versucht, dagegen anzukämpfen, Vorkehrungen für „später“ trifft, versinkt sie im Laufe der Zeit tiefer und tiefer in diese Welt, in der es nur noch das Vergessen gibt. Ist es die unglaubliche, oscargekrönte Performance von Juliane Moore, die mich im wahrsten Sinne des Wortes mitgenommen hat? Ich weiß es nicht. Einen persönlichen Bezug zum Thema gibt es nämlich nicht.

Sowohl meine Mama als auch die Schwiegermama sind zu früh gestorben, den Schwiegervater durfte ich gar nicht erst kennenlernen. Und mein Papa ist (trotz seiner „Ü70“) noch derart fit, dass von krankhaftem Vergessen überhaupt keine Rede sein kann.
Es heißt, dass das Risiko für eine Demenzerkrankung mit dem Alter steigt. Alzheimer beginnt in der Regel ab dem 65. Lebensjahr oder später – Alice Howland bildet da eine seltene Ausnahme. Anfangs schreiben die Betroffenen ihre Vergesslichkeit dem normalen Alterungsprozess zu. Es dauert, bis sie merken, dass wirklich etwas nicht stimmt, bis sie Angehörige nicht mehr erkennen und ganz alltägliche Dinge nicht mehr erledigen können. Verantwortlich dafür sind Ablagerungen im Gehirn, die nach und nach dazu führen, dass Nervenzellen absterben und dass die Menschen schlussendlich wie Babys werden: Sie können nicht mehr sprechen, werden inkontinent und vergessen mitunter sogar, wie man schluckt und atmet. Alzheimer-Patienten sterben nicht direkt an ihrer Erkrankung, sondern oft an den Auswirkungen, die die Krankheit auf den Körper und das Immunsystem hat.

Vergessen

Warum aber lässt mich nun das Vergessen nicht mehr los, seit ich Still Alice gesehen habe? Ist es, weil ich selbst dazu neige, vieles zu vergessen? Ist es, weil ich mich nur an wenige Dinge aus meiner Kindheit erinnern kann? Ist es, weil ich sogar manches, was ich erst in den letzten Jahren erleben durfte, nicht mehr in meinem Gehirn gespeichert habe? Habe ich womöglich Angst, selbst (vorzeitig) an Alzheimer zu erkranken? Nein. Das ist es nicht. Vielmehr ist es ein Gedanke, den ich möglicherweise nicht laut aussprechen sollte – es aber trotzdem tue. Denn ich frage mich seither:

Hat das Vergessen auch Vorteile? Ich denke, ja. Und wie ich herausgefunden habe, sehen das viele Wissenschaftler genau so. Der Soziologe Niklas Luhmann behauptete sogar, dass die Hauptfunktion des Gedächtnisses im Vergessen liege, „im Verhindern der Selbstblockierung des Systems durch ein Gerinnen der Resultate früherer Beobachtungen.“ Und der Niederländer Douwe Draaisma, Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie an der Universität Groningen, sagt: „Um etwas zu behalten, muss man zunächst sehr viel vergessen haben.“ Allerdings vergleicht er unser Gedächtnis auch mit einem unfolgsamen Kind, denn wir haben anscheinend keinen Einfluss darauf, woran wir uns erinnern und woran nicht. Vielleicht muss man einfach viel vergessen, wenn man viel Negatives erlebt hat? Und vielleicht kann man sich an vieles erinnern, wenn man auf viele positive Dinge zurückblicken darf?
So betrachtet, stellt sich mir gleich noch eine weitere Frage: Sind wir wirklich das Produkt unserer Vergangenheit? Ich meine: Wie soll uns das Vergangene zu dem machen, was wir heute sind – wenn wir uns (zum Teil) gar nicht mehr daran erinnern können? Wie wäre es, wenn wir einfach nicht darüber nachdenken und stattdessen tatsächlich im Hier und Jetzt leben würden? Und wenn wir das Gestern vergessen (haben): Who cares?

Auch wenn es noch so „verkehrt“ klingen sollte: Still Alice hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, zu vergessen. Das soll nicht bedeuten, dass ich Demenzerkrankungen verharmlose – nichts liegt mir ferner! Doch ich weiß jetzt, dass ich ohne das Vergessen nicht da wäre, wo ich heute bin. Nicht der Mensch wäre, der ich bin. Und nicht so glücklich wäre, wie ich bin.

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