Alle Erbsen Gesunde Erbsen

Denken, fühlen, tun und sein – ohne zu bewerten

29.12.2017
Ohne zu bewerten

Der Schüler fragt seinen Meister, der beim Volk und den Königen für seine Weisheit bekannt ist: „Meister, was hilft mir dabei, glücklich zu sein? Was hilft mir dabei, meinen Weg zu gehen, voller Kraft und Stärke? Was bringt mir Wohlstand, Liebe, Sicherheit und inneren Frieden?“ Und der Meister antwortet: „Achte auf deine Gefühle. Ohne sie zu bewerten. Jeden Tag. Achte auf deine Gedanken. Ohne sie zu bewerten. Jeden Tag. Achte auf deine Handlungen. Ohne sie zu bewerten. Jeden Tag. Achte auf deine Bedürfnisse. Ohne sie zu bewerten. Jeden Tag. Sei bei dir. Der Rest kommt von alleine.“

Als ich letzthin über diese Passage „gestolpert“ bin (danke Lila Laune 😉 ), hat sie mich nicht mehr losgelassen. Also hab ich ein bisschen recherchiert und in der Folge zahlreiche Beiträge dazu bzw. zum Thema Achtsamkeit gefunden. Erst da wurde mir klar, dass der Meister vier Mal „Achte auf…“ zu seinem Schüler sagt. Mir ist bis dahin vor allem „ohne sie zu bewerten“ ins Auge gestochen.

Sei Dir bewusst. Ich bin keine Achtsamkeitstrainerin, doch ich weiß, dass ein wesentlicher Teil bzw. eine Grundhaltung der Achtsamkeitspraxis darin besteht, Handlungen, Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken nicht zu bewerten. Dinge einfach nur zu beobachten, ohne ihnen einen „guten“ oder „schlechten“ Stempel aufzudrücken. Achtsam zu sein bedeutet, bei sich zu sein, sich seiner selbst bewusst zu sein.
Klingt voll toll. Und im nächsten Moment kommt einem das Hirn in die Quere. Das ist nämlich schon so daran gewöhnt, alles zu bewerten und zu vergleichen: von der Kleidung bis zur Wohnung, vom Job bis zum Hobby, vom Wetter bis zur Landschaft, von den Freunden bis zur Familie. Das Maß aller Dinge ist dabei das Außen, das was andere haben oder sagen, was sie tun oder wie sie leben.

Sei achtsam

Gleicher als gleich. Ich steh in der Hinsicht übrigens nicht über den Dingen (abgesehen davon: Wär das nicht schon wieder eine Bewertung?). Nein, ich bewerte und vergleiche nach wie vor. Allerdings ist es mir seit geraumer Zeit mehr und mehr bewusst, wenn ich es mache. Und sobald das der Fall ist, werde ich irrsinnig müde. Ob die Müdigkeit oder die Bewusstheit der Bewertung zuerst kommt, weiß ich jetzt gar nicht. Ich werde beim nächsten Mal darauf achten 😉
Und da ich mittlerweile ja auf meinen Körper höre, bin ich davon überzeugt, dass er mir durch diese Müdigkeit etwas zeigen möchte: Erstens dass es einfach nur anstrengend ist, ständig zu bewerten und sich mit anderen Menschen und deren Leben zu vergleichen. Und zweitens dass es doch viel besser wäre, wenn ich diese Energie, die ich fürs Bewerten aufbringe, für mich und mein Tun einsetzen würde.

Grenzwertig. Ich meine: Ist es nicht so, dass wir uns in unserem Sein begrenzen, wenn wir uns ständig mit anderen vergleichen? Wir mögen zwar glauben, dass wir besser, schneller, größer, stärker, dünner oder was weiß ich werden, wenn wir uns zuerst mit anderen vergleichen und dann alles daran setzen, eben besser, schneller, größer, stärker, dünner oder was weiß ich zu werden.
Wer aber sagt denn eigentlich, dass wir überhaupt besser, schneller, größer, stärker, dünner oder was weiß ich werden müssen? Könnte es nicht sein, dass wir genau so wie wir sind, eh schon „perfekt“ sind? Wobei dieses „perfekt“ nicht bedeutet, dass wir uns nicht mehr weiterentwickeln sollen. Im Gegenteil – Herbert Grönemeyer hatte schon recht, als er 1998 „Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders“ gesungen hat. Aber wenn wir vorangehen, dann doch bitte, weil wir selbst den Drang danach verspürt und daraufhin beschlossen haben, dass es an der Zeit ist, den nächsten Schritt zu machen – egal ob des Nachbars Hahn lauter danach kräht als der Vogel im eigenen Kopf.

Ohne zu vergleichen

4 Kommentare

  • Antworten Nina 30.12.2017 at 05:49

    Genialer Text, danke! Leider bewerte ich mich ständig und das ist so anstrengend. Meine neue Taktik ist, dass ich mir immer sage, “das ist jetzt halt so”. Viel Glück beim Nichtbewerten! LG nina

    • Antworten iane 30.12.2017 at 07:05

      Das ist ein super Ansatz und Anfang, liebe Nina! Denn viele Dinge stehen einfach auch gar nicht unserer Macht, da kann man also gar nichts anderes sagen als: “Das ist jetzt halt so”.
      Lass Dich von Deinem Weg nicht abbringen. Ich werde das auch nicht, denn ich bin mir bewusst, dass das ein lebenslanger Weg sein wird 🙂
      Alles Liebe für Dich und übrigens: DU bist halt nicht einfach so, sondern DU bist gut so wie DU bist – denn das ist jeder!

  • Antworten Gabi 04.01.2018 at 07:52

    Danke für diesen Artikel, liebe Iane. Bewertung liegt wohl in unserer Natur – wie sonst gäbe es Statussymbole und Neid? Achtsam zu sein ohne Bewertung muss erst mal gelernt werden – es macht aber auch zufriedener 🙂
    Liebe Grüße, Gabi

    • Antworten iane 04.01.2018 at 08:54

      Ja, liebe Gabi, da muss ich Dir recht geben: Es ist Teil unserer Gesellschaft, Dinge inkl. uns selbst zu bewerten. Doch Übung macht bekanntlich den Meister und wie schön, dass wir gemeinsam üben dürfen 🙂
      Alles Liebe und DANKE für diesen Beitrag!

    Schreib einen Kommentar

    Zeitlimit abgelaufen. Bitte neu laden.