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Richtig oder falsch: Ist das eine Frage?

07.12.2018
Richtig oder falsch

Was ist richtig? Was ist falsch? Gibt es darauf überhaupt eine Antwort? Klar: 1+1=2 ist richtig; 3 wäre falsch – wie jedes andere Ergebnis auch. Doch bei vielen anderen Fragen ist die Sache überhaupt nicht so eindeutig. Und nicht nur das: Bei etlichen Themen können wir es gar nicht so schwarz oder weiß und richtig oder falsch sehen. 
So war das beispielsweise bei meiner Mama. Offiziell nämlich hat sie nie gewusst, dass sie sterben wird. „Offiziell“ in dem Sinne, dass sie von ihren Ärzten nie richtig darüber aufgeklärt wurde, wie es tatsächlich um sie gestanden ist. „Offiziell“ wusste meine Mama nicht, dass sie an diesem beschissenen Krebs sterben wird. Offiziell unter Anführungszeichen, weil ich davon überzeugt bin, dass sie es sehr wohl gespürt und gewusst hat. Und ihr Arzt hat probiert, mit ihr darüber zu sprechen. Meine Mama aber war eine kleine Meisterin im Verdrängen. Und so hat sie – wenn es darum ging, zum Beispiel die Vor- und Nachteile einer Behandlung zu diskutieren oder ganz generell das weitere Vorgehen zu besprechen – nicht selten gesagt: „Das macht meine Tochter.“ 

War es falsch? Auch bei meiner letzten Buchlesung am 26. November in Lustenau im Rahmen der Wanderausstellung der Caritas Hospiz wurde das Thema diskutiert. Im Anschluss meinte eine Zuhörerin, dass sie das nicht OK gefunden habe. In gewisser Weise habe der Arzt sogar seine Schweigepflicht verletzt, wenn er mit mir und meinem Bruder über Mamas Zustand gesprochen habe. Was Letzteres angeht, bin ich mir nicht sicher. Immerhin war es erstens eine Extremsituation und zweitens waren wir die engsten Angehörigen. Ich denke schon, dass ein Arzt mit diesen Menschen über derartige Dinge sprechen darf und sollte (was rechtlich gesehen korrekt ist, weiß ich nicht).
Abgesehen davon: War es richtig oder falsch, dass Mamas Arzt mit uns offener gesprochen hat als mit ihr? Dass er sie in den wenigen letzten Wochen, die ihr geblieben sind, in diesem „naiven“ Glauben hat lassen, dass sie wieder gesund werden kann? Dass er ihr noch mehr negative Gedanken hat ersparen wollen? Kurz: War es richtig oder falsch, dass Mamas Arzt auf sie gehört hat?

Was ist richtig?

Oder war es doch richtig? Je mehr ich nämlich darüber nachdenke, umso klarer ist es für mich: Meine Mama wollte Augen und Ohren verschließen. Sie hat es mehrfach und deutlich gezeigt, dass sie nicht wissen wollte, wie es wirklich um sie gestanden ist. Oder vielmehr: Sie wollte das, was sie tief in ihrem Inneren eh schon wusste, nicht auch noch laut ausgesprochen hören. Und ihr Arzt ihr diesen Wunsch erfüllt.
Ob es die richtige Entscheidung war? Ja!. Für sie auf jeden Fall. Denn es war ihr Leben und somit ihre Entscheidung. Ob es für uns richtig war? Darüber bin ich mir bis heute nicht im Klaren. Doch es macht jetzt, nach zehn Jahren sowieso keinen Unterschied mehr. Damals haben wir diese Entscheidung getroffen, weil sie uns in dem Moment als richtig erschien. Würde ich heute wieder so entscheiden? Keine Ahnung. Das alleine macht es aber nicht falsch – und auch nicht richtig.

Es ist, wie es ist. Ja, manchmal ist der Fall ganz klar. Und viel öfter ist es eben nicht so. Viel öfter ist für den einen richtig, was für den anderen falsch ist – oder umgekehrt. Viel öfter ist es sowohl richtig als auch falsch. Viel öfter stellt sich erst im Laufe der Zeit heraus, dass eine anfangs richtige Entscheidung doch falsch ist – und trotzdem war es zu dem Zeitpunkt, als man sie getroffen hat, die einzig richtige Wahl.
Es ist einfach, wie es ist. Und wenn wir es nicht bewerten, dann ist es schlicht und ergreifend weder richtig noch falsch.

was ist falsch?

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